12. August 2015
Am Samstag, den 8. August 2015, hatte ich die Chance, bei einer kleinen privaten Betriebsbesichtigung auf einem Bauernhof teilzunehmen. Natürlich habe ich mir das nicht entgehen lassen.
Nach einer kurzen Begrüßung ging es dann auch direkt los. Als Erstes wurden die landwirtschaftlichen Geräte begutachtet, die man für die moderne Feldarbeit benötigt. So wurde zum Beispiel die Funktionsweise eines Mähdreschers ausgiebig erklärt, und ich durfte sogar probesitzen. Von so einer Fahrerkabine hat man eine tolle Aussicht.
Danach ging es zu den Silos. Ich habe gesehen, wo die geerntete Frucht ausgeladen und danach weiterbefördert wird. Außerdem wurde der Futtermischer begutachtet. Es handelt sich nämlich um einen Schweinemastbetrieb! Das Futter wird aus Gerste, Weizen, einem kleinen Teil Soja und Mineralien gemischt. Ich habe mir den Inhalt des Zusatzmittels durchgelesen. Darin sind verschiedene Vitamine, auch B12, das fand ich ganz interessant. Dann ging es zu den Silos. Da das Wetter dieses Jahr zu trocken war, ist die Ernte ein wenig spärlich ausgefallen. Von den benötigten 800 Tonnen Getreide konnten nur 550 Tonnen geerntet werden. Hinzu kam, dass die Weizenkörner sehr mickrig und verschrumpelt waren, auch eine Folge des Wassermangels. Dieses Getreide könnte nicht für den menschlichen Verzehr verwendet werden.
Als Nächstes machten wir uns auf den Weg zu den Schweineställen. Unterwegs gab es noch einen kleinen Zwischenstopp, denn auf dem Hof werden auch ein paar Pferde gehalten, die gestreichelt werden wollten. Bei den Ställen angekommen, habe ich mich mit Schutzkleidung ausgestattet und bin dann in die Halle gegangen.
Ich betrete die Halle. Links und rechts von mir befindet sich jeweils eine lange Reihe mit abgetrennten Buchten. Tagsüber sind die Gatter, die die Buchten voneinander trennen, geöffnet. So können die Schweine sich in der ganzen Halle frei bewegen. Jetzt sind die Gatter geschlossen. In einer Bucht befinden sich zwischen 16 und 20 Schweine. Als ich näher komme und ich versuche, sie zu streicheln, beschnüffeln sie zuerst neugierig meine Hand und halten dann aber einen misstrauischen Sicherheitsabstand ein.
Im hinteren Teil der Buchten befindet sich die „Toilette“. Durch Schlitze im Boden werden die Exkremente aus der Halle abgeführt. Darüber befindet sich eine Dusche. Alle 3 Minuten wird für 40 Sekunden Wasser auf die Schweine gespritzt, die sich darunter befinden. Im Winter kann das Intervall geändert werden. Man erklärt mir, dass sich die Schweine nach einer Dusche gerne im Dreck wälzen, das ist auch der Grund, warum viele von ihnen sehr schmutzig aussehen. Ich frage, ob ich ein Foto mit meinem Handy machen kann. Lieber nicht, für Laien sieht es so aus, als ob es den Tieren schlecht geht, wenn sie so dreckig aussehen, obwohl es sich genau gegenteilig verhält.
In jeder Bucht befinden sich noch zwei unterschiedliche Vorrichtungen für Fressen und Trinken. Mit der Schnauze können die Tiere auf einer Seite eine der vier Wasserversorgungen betätigen. So bekommen sie immer frisches Wasser. Auf der anderen Seite können sie ihr Futter abrufen. Hier können sie selber entscheiden, ob sie es trocken oder mittels eines zusätzlichen Stubsers mit Wasser gemischt bekommen.
Entlang der Halle befinden sich automatische Klappen, die sich je nach Temperatur öffnen oder schließen. So bekommen die Tiere immer genügend Frischluft.
Wir gehen den Gang, der sich in der Mitte der Halle befindet, entlang. Manche Schweine drängen sich neugierig zu uns hin, andere flüchten und reißen einige Tiere ihrer Bucht in scheinbarer Panik mit in den hinteren Teil. In jeder Ecke einer Bucht befindet sich eine Kette, an der eine Beißblume befestigt ist, mit der sich die Tiere beschäftigen können. Früher wurde vom Gesetzgeber verlangt, dass die Schweine bestimmte Bälle zur Beschäftigung bekommen sollten. Doch nach einem halben Jahr waren die Bälle zerbissen, und es stellte sich heraus, dass sie mit Nägeln gefüllt waren, damit sie rasselten. Daraufhin sind die Bälle sang- und klanglos wieder aus den Betrieben verbannt worden.
Die Tiere sind grob nach der Größe sortiert. Wenn eine Lieferung für den Schlachter fällig wird, müssen zwei Personen mit Treibbrettern in die Bucht, das Schwein vereinzeln und dann in den Gang treiben. Von da an geht es durch die Tür ins Freie und in einem kurzen Gattergang dann auf den Transporthänger. Bis zu 40 Schweine, je nach Bestellung, werden so pro Woche verladen. Einige der Schweine, die ich hier sehe, wird in den nächsten Tagen dieses Schicksal wohl ereilen.
Ich schaue mir die Tiere noch ein wenig an und streichle noch ein paar. Irgendjemand macht natürlich seine Witze. Die haben ja große Schnitzel … und Augen, und ein Herz und eine Seele, ergänze ich, beuge mich über ein Gatter und streichle ein Schwein, das mich seltsam traurig anschaut.
Wir verlassen den Stall. Der nächste ist im Moment leer. Hierher werden die Ferkel gebracht, wenn sie frisch auf den Hof kommen. Die kleinen Schweine werden in einem anderen Betrieb „produziert“. Wenn die männlichen Ferkel kastriert und die Ringelschwänzchen abgeschnitten worden sind, werden sie an die umliegenden Mastbetriebe verkauft.
Wir betreten eine weitere Halle. Hier sind die Buchten mit Ferkeln gefüllt. Auch hier können sie sich selber am Trinken und Fressen bedienen. Die Schweine bleiben so lange bei ihrer Mutter, dass sie lernen, wie man die Wasser- und Futterversorgung bedient. Schweine sind intelligente Tiere.
Die Führung wird plötzlich unterbrochen. Der Grill ist befeuert und das Essen steht bereit. Plötzlich wird aus „Oh, sind die süß“, „Hmm, schmeckt das lecker“. Ich jedenfalls freue mich, dass ich extra etwas Veganes bekomme, das sogar auf einem eigenen Grill zubereitet wurde.
Beim Essen ergeben sich noch interessante Gespräche. So erfahre ich, dass der Betrieb für 1900 Tiere zugelassen ist. Es befinden sich aber immer nur maximal 1300 Schweine auf dem Hof, denn ansonsten wird es unschön. Im Gegensatz zu anderen Betrieben, in denen die Tiere nach ca. 6 Monaten zum Schlachter gebracht werden, können die Schweine hier bis zu einem Dreivierteljahr alt werden. In der Nachbarschaft befinden sich noch zwei Mast- und ein Milchbetrieb.
Der kleinere Mastbetrieb hat nur 150 Schweine und der größere 3000. Die Ställe des größeren Bauernhofs sind nicht so gut ausgestattet wie die, die wir besichtigt haben. Die Hallen werden zwangsbelüftet und sind mit Ökospaltenböden ausgestattet. Die Betreiber des Hofes, auf dem wir uns befinden, haben versucht, ihre Haltung auf Freiland umzustellen. Allerdings wurde die Genehmigung verweigert. In der Gegend treiben sich viele Wildschweine herum, und es besteht die Gefahr, dass sie die Schweinepest übertragen. Vor Kurzem hat der Hof ein Angebot von Edeka bekommen. Die Edeka-Kette will eine Eigenmarke mit dem Namen „Sterne Fleisch“ anbieten. Dafür müssen die Lieferanten bestimmte Haltungsbedingungen einhalten, darunter zum Beispiel die Freilandhaltung. Dafür bekommen die Landwirte zehn Jahre lang einen garantierten Preis pro Kilo. Der Haken dabei ist allerdings, dass die Bauernhöfe natürlich modernisiert werden müssen, und wenn sich die Investitionen nach zehn Jahren noch nicht ganz rentiert haben, kann Edeka neue Preise festlegen und hat die Landwirte praktisch in der Hand. Außerdem müssen die Tiere von einem bestimmten Händler abgenommen werden und kosten da das Doppelte wie bei dem jetzigen Verkäufer. Auch wird die Qual der Tiere im Endeffekt nicht reduziert. Bis jetzt werden die Schweine zu einem Schlachthof in der Nähe vom Bauern selber transportiert. Für Edeka müssten die Tiere mit einer Spedition bis nach Ludwigsburg gekarrt werden, was natürlich zusätzlich Stress bedeutet.
Langsam klingt der Abend aus. Ich habe einen gut ausgestatteten Betrieb gesehen, der die EU-Anforderungen übertrifft. Ich glaube den Landwirten, wenn sie sagen, dass sie sich bemühen, dass es ihren Schweinen gut geht. Und trotzdem bedeutet die bessere Haltung am Ende doch den Tod. Ich habe mal gelesen, dass Schweine ein Revier von bis zu 20 Quadratkilometern haben können, somit ist es eigentlich egal, ob die Tiere nur 0,8 m² oder 1 m² Platz haben. Es ist immer zu wenig. Auch wurde mir erst jetzt richtig bewusst, dass sich die ganze Fleischproduktion direkt in meiner Nachbarschaft befindet. Ich glaube nicht, dass sich die Leute im Klaren darüber sind, dass das Fleisch aus dem Laden direkt aus ihrer näheren Umgebung kommt. Schließlich bekommen sie die Tiere, die sie letztendlich essen, nie lebend zu Gesicht.
Macht euch selber mal schlau und informiert euch, was es in eurer Gegend für Betriebe gibt. Sagt den Leuten, dass die Massentierhaltung nicht nur in NRW stattfindet, sondern dass es auch bei ihnen direkt vor der Nase Höfe mit bis zu dreitausend Schweinen gibt. Und dass jede Woche 40–100 oder sogar noch mehr Tiere umgebracht werden müssen, damit sie in der nächsten Metzgerei oder im Discounter ihre Wurst oder ihr Schnitzel kaufen können. Zerrt das Elend aus dem Dunkeln ans Licht. Vielleicht bringt das den einen oder anderen ja zum Nachdenken.